Simon Hendrik Halfmeyer

von Friederike Schuler / August 2013

Im Rahmen seiner ersten Einzelausstellung in der Jungen Kunst 2006 realisierte Simon Hendrik Halfmeyer eine raumgreifende Wandzeichnung mit dem Titel „Glashaus“ die sich aus dem Untergeschoss in die obere Etage bis auf den Fußboden der Ausstellungsräume erstreckte. Während sich diese Wandzeichnung gleichsam einer grafischen All-over-Struktur ausbreitete und verschiedene Motive aus einem immer wiederkehrenden visuellen Vokabular kombinierte, erscheinen die kleinformatigen neueren Arbeiten aus der Serie „glasses“ fast wie Konzentrate aus Halfmeyers Bildarchiv. Im Vergleich mit seinen Wandzeichnungen lassen sie sich sowohl auf technischer, als auch auf motivischer bzw. inhaltlicher Ebene gut charakterisieren.

Beide Werkgruppen entstanden auf Basis desselben Bildarchivs, das sich aus Fotografien aus Zeitungen und Magazinen sowie vom Künstler selbst angefertigten Aufnahmen zusammensetzt. Es entwickelt sich täglich weiter. Das Archiv dient Halfmeyer dazu, visuelle Einflüsse und Erlebnisse zu sammeln, zu reflektieren und zu verarbeiten, es bildet so die Grundlage für sein gesamtes künstlerisches Schaffen. Eine der Siebdruckarbeiten mit dem seriellen Titel „glasses / o. T. Nr. 09/2013“ zeigt eine schwarz bedruckte Glasscheibe, deren Motiv einem Zeitungsfoto entstammt. Eine Hand greift scheinbar von unten mittig in die dunkle Tiefe des Bildraumes rein, Handrücken und Finger sind in Aufsicht zu sehen. Ein kreisrundes maschinell gefertigtes Loch, das leicht aus der Mitte gerückt ist, überschneidet Mittel- und Ringfinger. Der darüber platzierte gelbe Kreis wiederholt Form und Durchmesser des Loches, seine Ränder sind jedoch nicht so klar umrissen, sondern freier und fast malerisch anmutend. Die Spiegelung oder Wiederholung der Kreisform in der Hand gibt dem Bild eine räumliche Tiefe und lässt an einen Griff in die Unendlichkeit oder die Weite des Alls denken. Zusätzliche Tiefe wird durch den kreisrunden Ausschnitt selbst erzeugt, der gleichzeitig auf die sich hinter dem Objekt befindliche Wand verweist und diese als weitere Ebene in die künstlerische Arbeit einbezieht. Dieses Schichten von Bildebenen ist von zentraler Bedeutung für das Werk von Halfmeyer. So werden auch die Wandzeichnungen immer aus Einzelzeichnungen für den jeweiligen Ort zusammengesetzt und komponiert. Durch dieses verbindende Werkprinzip lassen sich Halfmeyers Siebdruckobjekte und Wandmalereien oder Zeichnungen miteinander kombinieren. Während in Wandzeichnungen und grafischen Arbeiten meist architektonische Strukturen und Versatzstücke aus der Natur dominieren, kommen in den neueren Arbeiten andere Motive hinzu. Sie lösen sich bereits aufgrund der Technik (Fotografie) von dem mitunter strengen Zeichnungscharakter früherer Werke. Zugleich erweitert der Künstler seinen Kanon aber auch auf inhaltlicher Ebene, indem er menschliche Körperteile oder Tiere zum Thema macht. Das inszenierte „Mobiliar“ der bisherigen Bildräume wird gleichsam belebt und erforscht. Die neueren „glasses“ könnte man insofern als Gegenbilder oder Ergänzungen beschreiben, die in Kombination mit den großformatigen Wandzeichnungen eine Erweiterung der Bildwelten Simon Hendrik Halfmeyers bedeuten.